Was sind ultraverarbeitete Lebensmittel und warum essen wir davon mehr?

Selbst bei angeglichenen Kalorien aßen Teilnehmende der ultraverarbeiteten Kost rund 500 Kalorien mehr pro Tag. Der Unterschied lag nicht in den Zahlen, sondern im Lebensmittel selbst.

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Was sind ultraverarbeitete Lebensmittel und warum essen wir davon mehr?

Kurz gesagt

Ultraverarbeitete Lebensmittel sind verzehrfertige Produkte aus industriellen Bestandteilen, die in keiner Hausküche vorkommen — isolierte Proteine, modifizierte Stärke, Emulgatoren, künstliche Aromen. In einer kontrollierten Studie der US-amerikanischen National Institutes of Health erhielten Teilnehmende zwei Kostformen, angeglichen in Kalorien, Zucker, Fett, Ballaststoffen und Makronährstoffverteilung, und durften nach Belieben essen. In der ultraverarbeiteten Phase aßen sie im Schnitt 508 Kalorien mehr pro Tag und nahmen in zwei Wochen rund 0,9 kg zu; in der unverarbeiteten Phase nahmen sie ähnlich viel ab.

Die Definition: die NOVA-Klassifikation

Das Wort „verarbeitet“ allein ist zu weit — tiefgekühlter Brokkoli ist verarbeitet und ein verpackter Kuchen ebenfalls. Das in Brasilien entwickelte und heute in der Ernährungsforschung übliche NOVA-System teilt Lebensmittel nach Zweck und Ausmaß der Verarbeitung in vier Gruppen.

Entscheidend ist: NOVA betrachtet nicht den Nährstoffgehalt, sondern wie und wozu verarbeitet wurde. Ein Produkt kann fettarm, zuckerarm und mit Vitaminen angereichert sein — und trotzdem in Gruppe vier landen.

  • Gruppe 1 — Unverarbeitet oder wenig verarbeitet: Obst, Gemüse, Fleisch, Eier, Milch, getrocknete Hülsenfrüchte, Reis, reine Haferflocken.
  • Gruppe 2 — Küchenzutaten: Olivenöl, Butter, Salz, Zucker, Honig. Werden nicht allein gegessen, sondern zum Kochen verwendet.
  • Gruppe 3 — Verarbeitete Lebensmittel: Gruppe 1 plus etwas aus Gruppe 2 — Käse, Sauerteigbrot, Hülsenfrüchte aus der Dose, eingelegte Oliven, gesalzene Nüsse.
  • Gruppe 4 — Ultraverarbeitet: enthält Bestandteile, die in Hausküchen fehlen — isoliertes Protein, hydrolysierte Stärke, Invertzucker, Emulgatoren, Farbstoffe, künstliche Aromen, Verdickungsmittel.

Kontrollierte Evidenz: gleiche Kalorien, anderes Ergebnis

Die meiste Forschung hier ist beobachtend und anfällig für den Einwand, dass Menschen mit hohem Anteil ultraverarbeiteter Kost vielleicht einfach weniger Gemüse essen. Die Studie von 2019 löste dieses Problem: Die Teilnehmenden lebten vier Wochen auf einer Station, jede Mahlzeit wurde im Labor gewogen, und jede Person durchlief beide Kostformen.

Beide Speisepläne waren in Kalorien, Zucker, Fett, Natrium, Ballaststoffen und Makronährstoffverteilung angeglichen. Der einzige Unterschied war der Verarbeitungsgrad. Es durfte bei jeder Mahlzeit beliebig viel gegessen werden, Reste wurden gewogen.

Ergebnis: im Schnitt 508 zusätzliche Kalorien pro Tag in der ultraverarbeiteten Phase. Der Überschuss stammte vor allem aus Kohlenhydraten und Fett; die Proteinaufnahme war in beiden Phasen ähnlich. Die Gewichtsveränderung folgte der Kaloriendifferenz — Zunahme in der ultraverarbeiteten, Abnahme in der unverarbeiteten Phase.

Warum essen wir davon mehr?

Die Studie isolierte keinen einzelnen Mechanismus, aber die gemessenen Unterschiede legen mehrere nahe.

Der stärkste Kandidat ist die Essgeschwindigkeit: ultraverarbeitete Mahlzeiten wurden mit mehr Kalorien pro Minute gegessen. Sättigungssignale erreichen das Gehirn in 15-20 Minuten; wer schneller isst, hat vor Ablauf dieses Fensters mehr Kalorien aufgenommen. Weiche Textur und geringer Kauwiderstand erhöhen dieses Tempo direkt.

Der zweite Faktor ist die Energiedichte: ultraverarbeitete Produkte tragen mehr Kalorien pro Gramm, dasselbe Volumen liefert also mehr Energie. Drittens kommen Kombinationen aus Fett, Zucker und Salz in der Natur nicht zusammen vor — sie sind so gestaltet, dass das Stoppsignal schwächer ausfällt.

„Verarbeitet“ ist nicht dasselbe wie „ultraverarbeitet“

Hier entsteht die meiste Verwirrung. Einfrieren, Trocknen, Fermentieren und Konservieren sind Verarbeitung und verbessern Lebensmittel oft — Kichererbsen aus der Dose und Sauerteigbrot gehören beide auf einen gesunden Teller.

ProduktGruppeWarum
Reine HaferflockenWenig verarbeitetNur vom Korn gelöst
Aromatisiertes Instant-HaferbeutelchenUltraverarbeitetAromen, Verdickungsmittel, Zuckerzusatz
Kichererbsen aus der DoseVerarbeitetKichererbsen + Wasser + Salz
Kichererbsen-ChipsUltraverarbeitetIsolierte Stärke, Aromen, Emulgatoren
NaturjoghurtWenig verarbeitetMilch + Kulturen
Fruchtjoghurt zum TrinkenUltraverarbeitetZuckerzusatz, Farbstoffe, Stabilisatoren
SauerteigbrotVerarbeitetMehl, Wasser, Salz, Anstellgut
Abgepacktes ToastbrotUltraverarbeitetEmulgatoren, Konservierungs- und Mehlbehandlungsmittel

Praktisch: du musst nicht bei null anfangen

Ultraverarbeitete Lebensmittel vollständig zu streichen, ist für die meisten weder realistisch noch nötig. Die gemessenen Effekte wirken über den Anteil: Das Problem ist nicht eine Tüte Chips, sondern wenn der Großteil der Tageskalorien aus dieser Gruppe stammt.

Den größten Ertrag bringt es, die am häufigsten gegessenen Posten zu tauschen. Wer täglich zwei Limonaden trinkt, für den zählen diese zwei Dosen weit mehr als ein Kuchen einmal im Monat.

  • Achte nicht auf die Länge der Zutatenliste, sondern auf die Zahl der Bestandteile, die du nicht kennst.
  • Nimm dir zuerst die flüssigen Kalorien vor: Limonade, aromatisierte Milch, Energydrinks.
  • Ziel Frühstück — dort ist der ultraverarbeitete Anteil meist am höchsten.
  • Statt Fertigprodukte zu verbieten, wähle die schlichte Variante: Naturjoghurt mit Obst, reine Haferflocken mit Zimt.

Häufige Fragen

Machen ultraverarbeitete Lebensmittel allein dick?

Nicht über eine direkte Stoffwechselstrafe; der Effekt zeigt sich darin, dass mehr Kalorien gegessen werden. In der kontrollierten Studie waren es im Schnitt 508 Kalorien mehr pro Tag, und die Zunahme ließ sich durch diese Differenz erklären. Es bleiben also Kalorien — aber das Lebensmittel selbst macht sie leichter aufnehmbar.

Ist Proteinpulver ultraverarbeitet?

Nach NOVA ja — isoliertes Protein fällt definitionsgemäß in Gruppe vier. NOVA ist aber ein Maß für Verarbeitung, nicht für Gesundheit. Wer seinen Proteinbedarf nur schwer deckt, kann davon profitieren; die Klassifikation verbietet nichts, sie beschreibt.

Wie erkenne ich es am Etikett?

Faustregel: Steht in der Zutatenliste etwas, das du in deiner eigenen Küche nie hättest (Emulgator, Maltodextrin, Invertsirup, modifizierte Stärke, hydrolysiertes Protein, künstliches Aroma), ist das Produkt wahrscheinlich ultraverarbeitet. Entscheidend ist die Art der Zutaten, nicht ihre Anzahl.

Sind fettarme oder mit Vitaminen angereicherte Produkte eine Ausnahme?

Nein. NOVA betrachtet die Verarbeitung, nicht den Nährstoffgehalt; ein angereichertes, fettarmes oder „leichtes“ Produkt kann klar in Gruppe vier liegen. Das macht es nicht automatisch schädlich, zeigt aber, dass „angereichert“ nichts über den Verarbeitungsgrad aussagt.

Quellen

  1. 1.

    Hall KD, Ayuketah A, Brychta R, et al. Ultra-Processed Diets Cause Excess Calorie Intake and Weight Gain: An Inpatient Randomized Controlled Trial of Ad Libitum Food Intake. Cell Metabolism, 30(1), 67-77, 2019. doi:10.1016/j.cmet.2019.05.008

  2. 2.

    Monteiro CA, Cannon G, Levy RB, et al. Ultra-processed foods: what they are and how to identify them. Public Health Nutrition, 22(5), 936-941, 2019. doi:10.1017/S1368980018003762

  3. 3.

    Lane MM, Gamage E, Du S, et al. Ultra-processed food exposure and adverse health outcomes: umbrella review of epidemiological meta-analyses. BMJ, 384, e077310, 2024. doi:10.1136/bmj-2023-077310

Ecem Akkaba

Fachlich geprüft von

Ecem Akkaba · Ernährungsberaterin

Ernährungsberaterin, Absolventin der İstanbul Medipol Universität. Sie erstellt die Rezepte und Nährwerte bei FitZen.

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